Die Herausforderung
Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer digitalen Welt auf, die ihre Entwicklung, ihr Verhalten und ihre Betätigungsmuster grundlegend prägt. Gleichzeitig fehlt es in der ergotherapeutischen Fachliteratur oft an fundiertem Wissen über den Einfluss virtueller Umgebungen auf die kindliche Entwicklung und darüber, wie diese Erkenntnisse therapeutisch genutzt werden können.
In der Ergotherapie stellt im PEO-Modell (Person-Environment-Occupation) neben der Person (P) und der Betätigung (O) das Element Umwelt (E) den dritten beeinflussenden Faktor für die Performanz und Partizipation im Alltag dar (Satink & van de Velde, 2019). Es beschreibt den Kontext, in dem Betätigungen ausgeführt werden und welche die Ausführung der Betätigung sowohl positiv wie auch negativ beeinflussen kann. Je grösser die 3 Bereiche sich überschneiden und somit einen «Fit» bilden, desto besser kann sich ein Mensch betätigen.
Die Vision der Autoren
Im kürzlich erschienenen ersten deutschsprachigen Grundlagenwerk zur «Ergotherapie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie» schrieb Marlene Alvarez als Schweizer Autorin mit David Wild als deutschem Autor ein Kapitel zur virtuellen Umwelt. Sie stellt die Theorie auf, dass die virtuelle Umwelt neu auch neben der aus der Theorie bekannten sozialen, physischen, institutionellen und kulturellen Umwelt eine erweiterte Umweltdomäne darstellen soll. Kinder und Jugendlichen verbringen einen erheblich grossen Teil ihrer Zeit in dieser Art von Umwelt und sie entwickelt sich immer weiter. Diese Umwelt stellt eine Realität für junge Menschen dar und wie andere Umwelten, beeinflusst sie ebenso wie Betätigungen aufgeführt werden.
Marlene Alvarez plädiert dafür, dass vor allem die Ergotherapie mit ihrem tiefen Verständnis der Handlungswissenschaften bestens ausgestattet ist, diese Umweltdomäne zu verstehen und therapeutisch auf diese neuen technologischen Entwicklungen zu reagieren.
Als Therapeutin aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie, die täglich mit den Auswirkungen der virtuellen Umwelt und deren Einfluss auf Kinder arbeitet und ihre Masterstudie zur Mediennutzung der Generation Y schrieb, möchten Marlene Alvarez ihr Wissen und Erfahrungen in den Handlungswissenschaften der Fachwelt zugänglich machen. Durch die Publikation dieses Buchkapitels im Grundlagenwerk soll dazu beigetragen werden, dass Therapeutinnen überall fundierte Strategien für den Umgang mit Mediennutzung und der virtuellen Umwelt entwickeln können.
Satink, T. & Van de Velde, D. (2019). Kerndomänen in der Ergotherapie. In: M. le Granse, M. van Hartingsveldt & A. Kinébanian (Hrsg.): Grundlagen der Ergotherapie. Thieme, 74-95.